StrunderTal
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I. DIE STRUNDE UND IHRE BEDEUTUNG

FÜR DIE PAPIERMACHEREI

Unter den vielfältigen, sich immer weiter differenzierenden Zweigen der modernen Industrie nimmt die Papierfabrikation eine besondere Stellung ein. Wer ein Gefühl für diese Dinge hat, wird selbst in ihren modernen Maschinenräumen und in ihren weiten, licht durchfluteten Sälen etwas von den eigenwilligen Gesetzen ihres Werdens  und von der Eigenart  ihrer Jahrhunderte alten Tradition empfinden. Die Papierindustrie hat darin eine gewiße Ähnlichkeit mit allen jenen Wirtschaftsformen und Industrien, die sich gleich ihr im Laufe mehrerer Jahrhunderte aus der Intimität kleinerer oder größerer Familienunternehmungen zu weltweiten Betrieben entwickelten. So erklärt es sich auch, daß unter den Papierfabriken viele auf lange Jahre kontinuierlicher Entwicklung zurückschauen dürfen. Aber selbst unter ihnen dürften es nur sehr wenige sein, die sich eines gleich hohen Alters rühmen können wie die Gohrsmühle im Bergischen Strundertal, die in diesem Jahre ihren 350.Geburtstag feiert

Es war ein weiter Weg von der kleinen Mühle, die da im Jahre 1602 aus einem verfallendem Schleifkotengefälle errichtet wurde bis zu der bedeutenden, leistungsfähigen Feinpapierfabrik J. W. Zanders, von deren modernen Klinkerwänden blauweisse Neonröhren den Namen "Gohrsmühle" als weltbekanntes Symbol hochwertigen Papiers allabendlich hinausstrahlen. 350 Jahre sind eine lange Zeit. Sie enthalten Erfolge und Aufstieg, Mühe und Arbeit, Rückschläge und Neubeginnen und doch im ganzen gesehen einen stetigen Aufstieg nun, uns scheint, das sei des Rühmens wert und verpflichtet zur Rückschau.

Wir sagten oben, der Papiermacher schaffe aus einer eigenen Tradition, die ihm und seinem Werk eine besondere und nicht zu verkennende Note gebe. Dies alles gründet  in der eigenartigen Situation der Entstehungszeit, und wenn wir hier an diese Umstände erinnern, so geschieht es, um die Besonderheiten der Bergisch Gladbacher  Papierindustrie herauszuarbeiten, die von ihrer Gründungszeit bis auf den heutigen Tag unverkennbar ist. Dabei denken wir zunächst an die zeitbedingten Gegebenheiten  des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Das Zeitalter des Humanismus und der Reformation hatte, begünstigt durch die Vervielfältigungstechnik der noch jungen Buchdruckerkunst mit einer Fülle gelehrter Werke, religiöser Flugschriften und theologischer Abhandlungen, nicht nur die Vorbedingungen für die Entfaltung eines regulären Handels mit Papier geschaffen, sondern garantierte darüber hinaus dem Papiermacher erstmalig einen gesicherten Absatz. Als dann  schliesslich am Ende  des Jahrhunderts eine Flut von Kampfschriften erschien und die ersten Zeitungen ihre Auflagenhöhen verzehnfachen mußten, da wurde die Forderung nach einer ständigen und  gleichbleibenden Papierzufuhr und Lagerung zu einer Aufgabe, von deren Lösung nicht nur die Existenz einiger Unternehmer oder Literaten, sondern -- das ist keine phrasenhafte Übertreibung - die der abendländischen Kultur schlechthin, abhing. Die Papiermühlen hatten ihre hohe Zeit. Einige Zahlen bezeugen es: 25 Mühlen waren es am Anfang des  Jahrhunderts  im späteren Reichsgebiet, 160 zählte man am Ende. Die Papierfabrikation wurde zu einem  höchst aussichtsreicher Unternehmen, das die wagemutigsten Männer ihrer Zeit locken mußte, insbesondere jene, die ihre Tüchtigkeit längst bewiesen hatten, dann aber unter dem Druck der Wirtschaftlichen, politischen und Weltanschaulichen Auseinandersetzung

eine nette Basis für ihre Arbeit suchten. Für ihre Versuche war es keineswegs gleichgültig, daß die führenden Leute mancher Städte und Gemeinden weitsichtig genug waren, zu erkennen, daß sich dadurch für ihre Gemeinde und ihre Bevölkerung neue und einträgliche Arbeits- und  Verdienstmöglichkeiten erschloßen. Auch unter diesem Gesichtspunkt wird es verständlich, daß die ersten Gladbacher Papiermacher keineswegs zufällig Anhänger  der neuen Lehre waren, Männer, die Ihres Glaubens willen manches erlitten und  durchkämpften.

Noch ein Weiteres scheint uns sehr bedeutsam, ja, geradezu ausschlaggebend für die Klärung der Frage, warum denn gerade in Gladbach ihre Papiermühlen arbeiteten; denn bei allem Respekt vor der heutigen Kreisstadt, was war damals schon Gladbach?  Nun, ein kleines, unbedeutendes Dorf, in dem sich eine Handvoll braver Bauern und ein paar kleine Müller  um einen alten  herzoglichen  Fronhof scharten. Es war ein bescheidenes Dorf, wie  viele andere am Rande des Bergischen Landes, zwei gute  Wegstunden von der alten Bergischen Stadt Mülheim entfernt, ein Dorf, das verkehrstechnisch in der damaligen Zeit wirklich stiefmütterlich bedacht war. Selbst die einzige bedeutsame Straße des Raumes, die alte Wipperfürther Straße von Mülheim in das Bergische, verlief ein ganzes Stück nördlicher und berührte den Dorfkern gar nicht. Und so kann man mit Recht fragen, was in aller Welt wohl die ersten Gladbacher Papiermüller zu dieser Gründung veranlaßt habe.

Nun, Gladbach trägt in seinen Namen schon den Hinweis auf die Lebensader, die für die Stadt wichtiger werden sollte als die Fürstengunst, die das benachbarte Bensberg durch die Bergischen Herrscher entstehen ließ oder die Pflege, die das tausendjährige Paffrath durch seine Gründer, das Kölner Domkapitel, erfuhr. Gladbach liegt an einen Bach, aber nicht an irgendeinem Bach - das hätte es mit vielen anderen gemeinsam -- nein, Gladbach wuchs an einem Bach, der gewissermaßen den Bestand eines jeden geschickten Unternehmens förmlich garantierte. Ohne diesen Bach und seine Geschichte ist die Entwicklung Gladbachs und mit ihr die Entwicklung seiner Papierindustrie überhaupt nicht zu verstehen, und darum kann niemand, der über den Ort und seine Geschichte etwas sagen  will, daran vorbeigehen. Dieser  kleine Bach, von dem jetzt  die Rede sein soll, ist die Strunde. Sie quillt ein klein wenig  oberhalb der alten

Johanniter- Kommende Herrenstrunden aus der Erde und führt ihre Wasser nach kaum 20 Kilometer langem Lauf in Mülheim in den Rhein. Wer heute an dem bescheidenen Bächlein entlang wandert,  das unscheinbar, von Abwässern  aller Art verschmutzt, schliesslich kurz vor Mülheim in einen übelduftenden Kanal versinkt. der ahnt nicht. daß angesehene Geschichtsschreiber einst die Strunde den "fleissigsten Bach Deutschlands" nannten. Der Wanderer ist überrascht zu hören,  daß der Bach auf seinem kurzen lauf mehr als 50 Mühlen trieb, ja, daß dieses Strundertal  im  ganzen Mittelalter  eine  einzige  riesige Werkstatt war. Aus der nicht nur die Bergischen Kaufleute jahraus,  jahrein ihre Planwagen mit den Erzeugnissen  ihres Fleisses weit, weit  ins Land hinausfuhren, sondern daß darin auch für viele Ämter und Gaffeln des benachbarten Köln und Mülheim  gewerkt  und geschafft wurde. Ja, der ganze Jahrhunderte währende Streit zwischen Köln  und Mülheim geht zutiefst um die Strunde und man müßte schon ein dickes  Buch schreiben, wenn man die Leistungen und Bedeutung dieses Baches auch nur in Kürze aufreißen wollte.

Der Papiermacher ist auf das Wasser  angewiesen  wie kaum ein anderer Industriezweig. Ja, der alte Papierfabrikant  war es in doppelter Hinsicht: Er brauchte Wasser, vieles und gleichbleibendes  Wasser, das die Räder seiner Geschirre und Geläufe drehte, und daneben brauchte er sauberes, fliessendes Wasser, das durch seine Bottiche und Bütten floss. Alles das fanden die ersten Gladbacher Papiermüller bei der Anlage ihrer Werke in Gladbach, und hätte es damals bereits eine Sprachforschung gegeben, der Name des Baches hätte sie förmlich zu ihrem Unternehmen reizen müssen. Das Wort  Strunde leitet man von strudeln, frisch und lebendig  quillen ab. Die Besonderheiten, die den Bach  vor vielen, vielen anderen in dar Runde auszeichnen, gründen einmal in der hohen Niederschlagsmenge am Westrand der Berge und  andererseits in der Beschaffenheit des geologischen  Untergrundes

Die Unterschiede der Niederschlagsmengen auf kleinstem  Raum überraschen immer wieder. Sehr exakte, jahrelange Messungen des Regens ergaben,  daß der Durchschnittswert in Köln bei 678 mm liegt, daß er in Bensberg bereits auf 870 mm ansteigt und bei Altenberg sogar  eine Höhe von 942 mm erreicht. Wenn man dazu  bedenkt. daß nachweislich  52% aller Winde unseres Raumes aus dem Westen wehen und am Westhang des Bergischen  Landes gezwungen sind, ihre Regenfracht  beim Aufsteigen  abzuladen, dann vorsteht man, daß die rechte Seite  der Kölner Bucht bei weitem zahlreichere und wasserstärkere Bäche  aufweist als die linke.

Dem Papiermacher kam noch ein anderer Umstand zunutze. Die Strunde unterscheidet sich von allen anderen Bächlein und Flüßchen, die von den Höhen des Bergischen Landes talabwärts rinnen, durch einen ganz besonderen Untergrund. Das Studium der geologischen Karte des Raumes zeigt, daß das Strundertal in der Längsachse einer großen dreieckigen Kalkmulde liegt, deren Gesteine Reste eines reichen Lebens sind, die vor langen Jahren auf den Boden eines gewaltigen Meeres sanken. Während in den späteren Epochen ringsum im Kreise die härteren Gesteine des Untergrundes wieder zu Tage traten, blieb der weiche Kalkstein im Strundertal wie Schnee in einer Mulde liegen. Nun hat aber bekanntlich der Kalkstein die Eigenart, von der dem Sickerwasser anhaftenden Kohlensäure zu Kalziumhydrokarbonat umgewandelt und aufgelöst zu werden. So entstanden wie in jedem Kalkgebirge auch im Strundertal zahlreiche Spalten, Klüfte und Höhlen.

Was wir bei der Donau in weit größerem Masse finden, sehen wir im Kleinen an der Strunde. Gierig nimmt der Kalkboden die Regenmassen auf und sammelt sie zu unterirdischen Wasserläufen. In solchen Gegenden quillen die Bäche und Flüsse reichlich aus dem Boden. Ihre Wasser sind immer gleich stark und kräftig, mag draußen im Frühling der Schnee schmelzen oder die Mittagsglut über dem Tale liegen. Was das bedeutet, vornehmlich für die Anlage einer Papiermühle, vermag nichts anschaulicher zu zeigen als ein Vergleich mit jenem Bach, der wenige Kilometer nördlich jenseits der Wasserscheide parallel zur Strunde in die Dhün fließt. ich meine den Scherfbach, jenes launische Wasser, das im heißen Sommer fast ausgetrocknet daliegt, während das Bachbett nach stärkeren Regenfällen und in den Zeiten der Schneeschmelze die Wassermassen kaum zu fassen vermag. Hier fehlt jene unterirdische Wasserführung und Speicherung. Allenthalben schaut das Grundgestein durch die dünnen Ackerkrumen. Unablässig spülen die Regenwasser wertvollen Mutterboden ins Tal; die Talränder sind sanft geneigt und bilden ein breites, offenes, sonniges Tal. Auch hier hat ein unternehmender und weitsichtiger Mann im 17. Jahrhundert eine Papiermühle errichten wollen. Es war der vermögende und einflußreiche Bergische Amtmann Gottfried von Steinen, der im benachbarten Amtsmannsscherf haushielt. Aber an der Scherf mußte ein solches Unternehmen scheitern. Ein Flurname und ein Häuserschild halten einzig die Erinnerung an diese "Hollandsmühl" wach, von der die Akten des Düsseldorfer Staatsarchiv berichten, daß sie nie in Gang gekommen sei.

Das Bild des Strundertales ist ein ganz anderes. Steil fallen seine mit alten Rotbuchen bestandenen Wände zum Tal; ganz dicht treten sie an den Bach heran. Ihr poröser und durchklüfteter Boden saugt gierig jedes Tröpflein Wasser auf und leitet es in unendlich vielen und kleinen Rinnsalen unterirdisch dem Bache zu. Es braucht lange Zeit, bis das Wasser eines Wolkenbruches ins Bachbett findet aber es sind auch genügend Reserven im Berginnern für die Zeiten der Dürre und Trockenheit. Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß der Bach -- der Donau ähnlich - bereits einen längeren unterirdischen Weg zurückgelegt hat, ehe er bei Herrenstrunden zu Tage tritt. Wie ließe sich sonst erklären, daß allein in dem Teich der Kommende Herrenstrunden - ein Steinwurf von dem Quelltopf entfernt - 50 Kubikmeter Wasser in der Sekunde aus dem Boden quillen und ehedem das Bachkind befähigten, die großen Geläufe der Herrenstrundener Dominialmühle zu drehen. Die Firma J. W. Zanders entnimmt heute bereits einen Teil des Wassers gleich an der Quelle für ihre Fabrikationszwecke, und es schien ihr lohnend genug, dafür eigens eine Rohrleitung zum Werk zu bauen.

So mag es uns nicht wundernehmen, daß die Strunde vom frühesten Mittelalter an im wörtlichen Sinne die Lebensader des ganzen Raumes wurde. Wie Perlen an der Kette waren an ihren Ufern die Mühlen gereiht, die den verschiedensten Zwecken dienten: Mahlmühlen, Leder- und Tuchwalkmühlen, Gewürz- und Ölmühlen, Bolz- und Pulvermühlen und nicht zuletzt all jene, die den verschiedenen Zweigen der Eisenindustrie dienten, sei es, daß sie Waffen und Geräte schliffen oder Harnische und Instrumente polierten. Und wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die Strunde ein ganz besonderer Bach war, dann würden wir diesen Beweis überzeugend führen können: Ursprünglich endete der Lauf der Strunde westwärts in den Sanden der Mittelterrasse. Ihre Wasser flossen in die ausgedehnten Sümpfe und Bruchgebiete vor den Toren Gladbachs. Im 9. Jahrhundert jedoch führten die wasserkundigen Franken das Bett des Baches bis zum Rhein durch. Damit entwässerten sie nicht nur die weit ausgedehnten Sümpfe, sondern ermöglichten auch die Besiedlung des fruchtbaren Landes bis zum Rhein hin. Damit aber dieses Riesenwerk Bestand habe, gründeten sie eine Bachgenossenschaft mit einem erblichen Bachgrafen an der Spitze. Bald ein Jahrtausend bestand diese Einrichtung, ein überaus interessantes Beispiel mittelalterlicher Wirtschafts- und Rechtsordnung.

Jetzt könnte jemand die Frage stellen, ob denn in einer Wirtschaftsgeschichte, in der Geschichte eines industriellen Werkes den landschaftlichen Gegebenheiten ein so breiter Raum gewährt werden dürfe. Wir möchten diese Frage bejahen, denn die Wirtschaftsgeschichte ist erst aus der Naturgeschichte verständlich, und beide stehen in einem überaus engen Wechselverhältnis gegenseitigen Gebens und Nehmens zur Kulturgeschichte. Ohne Gefahr für das Verständnis des Ganzen wird man diesen Dreiklang nicht zerstören können. So muss man auch die Frage, was denn nur die ersten Papiermacher Gladbachs zu der Wahl dieses abgelegenen Ortes geführt habe beantworten: Die Ersten waren Kölner Bürger, und wenn ein Kölner Bürger ein industrielles Unternehmen gründen wollte, so ging er damit in Kölns natürliche Werkstatt, wo gleich ihm viele andere werkten und schafften: Nämlich in das Strundertal.

II. "DER FLEISSIGSTE BACH DEUTSCHLANDS"

Erklärung zu nebenstehender Karte

III. DIE GESCHICHTE DER GOHRSMÜHLE BIS ZUM ANKAUF

DURCH CARL RICHARD ZANDERSRS

Uns geht es vornehmlich um die Geschicke der Gohrsmühle. Ihre Geschichte wollen wir mit einigen kurzen Strichen skizzieren und dabei die anderen Mühlen nur dann erwähnen, wenn ihre Kreise den der Gohrsmühle berühren. Es ist nun freilich keineswegs so, als ob das Schicksal und die Entwicklung der beiden anderen Wurzeln des J. W. Zanders´schen Werkes gleichgültig oder gar unbedeutender wären. Es sind vielmehr zwei Grunde, die diese Begrenzung rechtfertigen, wenn der zur Verfügung stehende Raum zu einer Beschränkung zwingt. Der erste Grund ist die Tatsache, daß es eben die Gohrsmühle ist, deren 350. Geburtstag der Anlaß zu dieser besinnlichen Rückschau ist; den zweiten sehen wir in der noch bedeutsameren Gegebenheit, daß der Name "Gohrsmühle" zusammen mit dem

Zanders´schen Familienwappen zum verbindenden Traditionszeichen und Symbol all der vielen Sorten von Feinpapieren wurde, deren Qualität den Ruf der Firma J. W. Zanders sichert. Der Name der kleinen Mühle ist so in Verbindung mit dem des Hauses Zanders heute Ausdruck des Schaffens und Wollens, der Leistungsfähigkeit und der Marktgeltung des ganzen großen Werkes. Wenn wir nunmehr versuchen, die Geschichte der Gohrsmühle aufzureißen, so kann es uns weder um eine langatmige Darlegung der Familiengeschichte ihrer Besitzer zu tun sein, noch möchten wir der Versuchung erliegen, eine Gladbacher Lokalgeschichte zu schreiben, die nur im engsten Raume wirkliches Interesse finden kann. Es geht uns vielmehr darum, die Geschicke der Mühle und mit ihr die des ganzen heutigen Unternehmens hineinzustellen in die Wirtschafts- und Kulturgeschichte ihrer Zeit. Ja, mehr noch, es

Gohrsmühle

scheint uns sogar möglich, aus dem sorgfältigen Studium eines einzelnen Werkes wertvolle Einblicke in die Entwicklung der gesamten deutschen Wirtschaft und Industrie zu gewinnen, ähnlich wie die feinnervige Hand des Arztes den Rhythmus des Lebens am Pulsschlag der kleinsten Ader ebenso zu erkennen vermag, wie wenn er eine der Hauptadern abtastet; denn der Lebenstraum pulst ja in allen Gefäßen nach gleicher Melodie und Rhythmik. Nach dieser, wie uns scheint, notwendigen Zielsetzung müssen wir den Faden dort wieder aufnehmen, wo wir ihn für eine Weile niederlegen mußten. Wir hörten, daß die Eheleute Hendrich von Gohr und Johanna Jacobs am 10. Mai 1654 nach Gladbach zogen und ihrem Betrieb vorstanden. Als Hendrich im Jahre 1688 starb, folgte ihm sein aussergewöhnlich tatkräftiger und unternehmensfreudiger Sohn Gerhard.

Ihm genügte das väterliche Erbe nicht mehr, auch fand er die Wasserkraft der Strunde nicht genügend ausgenutzt. So erbat und erhielt er vorn Herzog von Berg im Dezember 1704 gegen eine jährliche Erkenntnisgebühr von zwei Goldgulden die Konzession, neben seiner Papiermühle eine Holzfarbmühle zu betreiben, in der man aus überseeischen Hölzern Farbstoffe preßte, deren die heimischen Tuchfabriken bedurften. Vielleicht war es die Freundschaft mit seinen Mülheimer Glaubensgenossen, vornehmlich mit dem Leinen- und Seidenfabrikanten Christoph Andreae, die ihn dazu veranlaßte.

Seit das Kiesenbrodt-Gut an die Familie von Gohr übergeht, ändert sich auch das Wasserzeichen. Die neue Marke kombiniert drei zeichenrechtlich wesentliche Bestandteile: Der untere Teil stellt das Posthorn dar; es ist das Sortenzeichen für Postpapier. Das Mittelstück trägt, einer Sitte der Papiermacher folgend, die Initialen des Namens Gerhard von Gohr: GVG. Der obere Tal trägt zum ersten Male die fortan für die Gohrsmühle typische Krone.

Auf Gerhard von Gohr folgte sein Sohn Johann Jakob. Er durfte nur kurze Zeit der Gohrsmühle vorstehen. Wir wissen von ihm nur, daß er im Jahre 1723 ein Patent auf die Herstellung von Blau-Nähnadelpapier erwarb. Das mag uns Heutigen kaum nennenswert erscheinen, und doch war das eine bedeutsame Sache. Noch im Jahre 1802 war die Herstellung dieses Papieres ein Geheimnis; lediglich in England kannte man ähnliches. So kam es, daß die großen Nähnadelfabriken in Aachen und Iserlohn, ja selbst manche ausländische ihren großen Bedarf an Blaupapier nur bei der Gohrsmühle decken konnten. Mit dem frühen Tode des Johann Jakob starb die männliche Linie derer von Gohr ebenso nach drei Generationen aus, wie wir es oben bei der Familie Jacobs erlebten. Seine Gattin blieb als 40jährige zurück. Es war Anna Helene Fues, die Tochter des Martin Fues des Besitzers der Quirlsmühle. Der Name Fues hatte in den Kreisen der Bergischen Papiermacher einen guten Klang. Der Stammvater der Gladbacher Sippe, Hendrich Fues, war ursprünglich als Papiermachergeselle aus Thüringen zugewandert und bei dem jungen Stephan Jacobs als Meistergeselle tätig gewesen. Doch nur eine Zeitlang hatte Hendrich Fues auf der von Stephan Jacobs gepachteten Dombach gearbeitet; ein wenig später war er bereits in der Lage, diese Mühle selbst in Pacht zu nehmen. Von ihm sagt Ferdinand Schmitz: "Er ist der Stammvater jenes Geschlechtes der Fues geworden, dessen Glieder mit erstaunlicher Spannkraft nicht nur alle Papiermühlen, sondern auch die übrigen Industriemühlen des Strundertales, die besten, nach und nach an sich gebracht haben, dessen Abkömmlinge teils noch auf den altehrwürdigen Stätten des ahnherrlichen Fleißes sitzen, teils in deutschen Großstädten das Gewerbe ihrer Väter zu Ehre und Ansehen gebracht haben." Seine Kinder und Enkel heirateten in angesehene Bergische Familien, und schon nach wenigen Generationen war die Sippe Fues eine weitverzweigte, kinderreiche und dazu geachtete, angesehene im ganzen Tal. So verstehen wir es auch, daß die Witwe des Johann Jakob von Gohr -- selbst eine geborene Fues von der Quirlsmühle -- der späteren Schnabelsmühle -- wenige Jahre nach dem Tode des ersten Gatten einem entfernten Verwanden gleichen Namens die Hand zu einer zweiten Ehe reichte, nämlich Wilhelm Aurelius, dem Sohne des Dombacher Papiermüllers Fues. Dadurch vereinigte diese Frau für kurze Zeit alle drei Mühlen des Strundertales wieder in einer Hand.

Das gibt uns Veranlassung, auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den Wirtschaftsauffassungen der damaligen und heutigen Zeit hinzuweisen. Im Mittelpunkt des damaligen Denkens stand nicht das Werk, sondern die Familie. Das ganze Trachten ging nicht so sehr darauf aus, ein Wirtschaftsobjekt um seiner selbst willen zu erhalten und zu erweitern, als vielmehr das Unternehmen in Hut und Pflege der Familie zu nehmen, damit diese dadurch ihre wirtschaftliche Grundlage und Sicherung findet. Dies kommt besonders dann ganz sinnfällig zum Ausdruck, wenn es heisst, jedem neuen Familienmitglied eine möglichst selbstständige und unabhängige Existenz zu sichern. Dann stand nicht das Werk, nicht das Unternehmen im Vordergrund, sondern das einzelne Familienmitglied. So waren Erbteilungen an der Tagesordnung. Die so seit gehen konnten, daß sie die Existenz eines Werkes aufs äußerste bedrohten und gefährdeten. Zwar fanden sich immer -- wie bei der Witwe des Johann Jakob von Gohr -- glückliche Umstände oder auch starke Männer und Frauen, die von Zeit zu Zeit das Zerstreute wieder sammelten. Im allgemeinen jedoch war es so, wie es einmal ein kluger Kenner der Bergischen Geschichte ausdrückte: "Es war ein Glück, daß die Notwendigkeit und der Strunderbach immer wieder zusammenbrachten, was die Menschen trennten."

Anna Helene Fues gehörte zweifellos zu jenen weitblickenden Frauen, denen es bereits damals in erster Linie um das Werk ging. Es wäre sonst schwerlich zu verstehen, daß sie die Werbung des 18 Jahre jüngeren Willhelm Aurelius Fues annahm und mit ihm zusammen alle drei Mühlen förderte und voranbrachte, ehe sie ihm im Jahre 1772 in den Ruhestand nach Mülheim folgte. Auf der Gohrsmühle trat zunächst Abraham Fues ihr Erbe an, ihn folgte schließlich Gerhard Jakob Fues. Zur gleichen Zeit hatten aber auch andere Männer Anteil an der Mühle von denen wir nur zwei nennen mochten: Den um die Gladbacher Papierindustrie so hoch verdienten damaligen Besitzer der Quirlsmühle, Heinrich Schnabel und sein Schwiegersohn, der Hofrat Johann Gottfried Fauth aus Mülheim.

Wir können hier auf die Bedeutung dieser beiden Männer nicht im einzelnen eingehen. Ihr Ansehen war so groß, und zwar nicht nur in Gladbach sondern weit darüber hinaus, das die Quirlsmühle ihren alten Namen verlor und fortan Schnabelsmühle hiess. Es war sicherlich ein gütiges Geschick, das dem damaligen Besitzer der Gohrsmühle diese beiden Männer zur Seite stellte und sie als Teilhaber unmittelbar an dem Bestand und der Rentabilität der Mühle interessierte. Die Wende zum 19. Jahrhundert und die ersten Jahrzehnte waren wirtschaftlich ungemein schwierig. Den ersten schweren Schlag erlitt der Besitzer der Gohrsmühle dadurch,

daß die Zollpolitik Napoleons den Handel mit Blau-Nähnadelpapier in das linksrheinische Absatzgebiet, nach Frankreich, England, Holland, vornehmlich aber nach Aachen unterband. Dazu kamen die nicht abreissenden Verpflichtungen, welche die kaiserlichen und französichen Truppen im dauernden Wechsel dem Lande auferlegten. Wer heute die Tagebücher des Mülheimer Hofkammerrates Zacharias Bertholdi liest, kann sich in etwa eine Vorstellung davon machen, welche Lasten jedem Besitzenden aufgebürdet waren. Jede durchreisende Truppe verlangte gebieterisch Quartier, Verpflegung und Geld. Zu all dem traf den Besitzer im Jahre 1796 der schwerste Schlag: Das staatliche Werk, das Stephan Jacobs vor 200 Jahren errichtet hatte, brannte bis auf den Grund nieder. Nur mit grosser Mühe und durch die Unterstützung neuer Freunde gelang es, das Werk wieder aufzubauen. So stattlich freilich, wie vordem, entstand die Gohrsmühle nicht wieder. Die Wasserkraft ihrer beiden Gefälle wurde von dem einzigen Rade bei weitem nicht ausgenutzt. In ihrem Innern werkten 40 Arbeiter und schafften, was ihnen die beiden Bütten zu tun gaben. Die Rentabilitätsrechnungen aus der damaligen Zeit zeigen deutlicher als jede Schilderung, wie es um die Gohrsmühle stand. Die Arbeiter erhielten zusammen einen Jahreslohn von rund 3200 Talern. Aus Rohstoffen in Werte von 3400 Talern stellten sie jährlich Papier im Werte von 8-9000 Talern her. Und wenn auch zur Gohrsmühle eine Reihe von Gütern gehörte, ein Kalkofen in Duckterat und 116 Morgen Ackerland, Wiese und Wald und wenn auch Gerhard Jakob Fues an der Stelle einer verfallenen Walkmühle die Cederwaldmühle mit einem Rad und einer Bütte aufgebaut hatte, alles das Besitz und Produktion standen in keinem Verhältnis zu der Schuldenlast von 21000 Talern, du nunmehr auf der Gohrsmühle lastete und ihren Besitzer fast verzagen ließ. Neue Sorgen blieben nicht aus. Wir wollen sie nur ganz schlicht aufzählen, und es dem Leser überlassen, darüber nachzudenken, was jede einzelne von ihnen bedeuten mochte: Der helfende Freund, der nach dem Brand so bereitwillig eingesprungen war, wurde älter und wünschte Sicherheiten für sein Darlehen. Es war zu erwarten, daß die Erben nach seinem Tode das Kapital kündigen würden. Versuche, das Kapital von anderer Seite zu beschaffen, gestalteter, sich überaus schwierig. Schliesslich bot sich dem älteren Sohne Karl Peter die günstige Gelegenheit, in Hanau eine gesicherte Existenz zu gründen, wenn der Vater ihm helfen würde.

Über diesen Sorgen starb Gerhard Jakob Fues am 6. Mai 1825. Daß er trotz aller fehlschläge und Schwierigkeiten im weiten Umkreis hochgeachtet war, zeugt für die fachlichen und menschlichen

Qualitäten dieses aufrechten Mannes. Zu den vielen Sorgen, die er seinen Erben hinterließ, kam noch eine neue hinzu, ja, wie uns scheint, die bei weitem grösste: Die Entscheidung nämlich, entweder von dem alten Handbetrieb zur Maschinenfabrikation überzugehen oder aber nicht mehr konkurrenzfähig zu bleiben. Das beginnende 19. Jahrhundert brachte nicht nur jene gewaltig großen politischen Umordnungen und gesellschaftlichen Verschiebungen, es ist auch die Zeit der aufblühenden Technik. So eben hatte ein Krünitz seine 242 Bände umfassende "Ökonomisch-technologische Enzyklopädie" beendet.. Auf allen Gebieten der

Technik und Industrie nahm die Maschine dem Menschen die Arbeit ab. Dabei war es kaum einige Jahrzehnte her, seit in unserem Bergischen Papiermühlen jene Einrichtungen ihren Einzug gehalten hatten, die bereits seit einem Menschenalter in Holland gebraucht wurden und seitdem bis auf den heutigen Tag "Holländer" heißen. Das war ursprünglich ein Mahlwerk mit kannelierten Steinwalzen; später ging in einem zweigeteilten Troge eine mit Messern besetzte verstellbare Walze über ein auf dem Boden des Troges angebrachtes Messerwerk, wobei die eingeschütteten, mit Wasser vermengten Lumpen in kreisende Bewegung versetzt und mehr oder weniger fein gemahlen wurden. Diese neue Maschine hatte in fünf bis sechs Stunden die gleiche Menge "Zeug" geliefert, wie ein altes deutsches Geschirr mit fünf Stampflöchern in 24 Stunden, -- ein gewaltiger Fortschritt! Und nun hatte ein Franzose Nicolas Louis Robert im Jahre 1798 eine Maschine erfunden, deren mechanisch geschütteltes Sieb dem Schöpfer an der Bütte das Handsieb aus der Hand nahm und den Gautscher überflüssig machte, ja, die im Grunde genommen aus der sorgsam gepflegten traditionellen Kunst des Papiermachens einen maschinellen, genauestens zu kontrollierenden und zu lenkenden Fabrikationsprozess machte. Die Überlegung der Papiermacher war sehr einfach: Der Papierbedarf stieg. Die Maschine war da und nur die Maschine vermochte ihn auf eine höchst geschickte und einträgliche Art und Weise zu decken.

Die Papiermacher jener Zeit hatten nur eine Sorge, woher sie nämlich das Kapital für die große Anlage nehmen sollten. Daß diese bange Frage besonders die Erben Fues belastete, bedarf keines weiteren Wortes. Die Existenzfrage der Mühle war plötzlich in ganz anderer Hinsicht akut die Chronik der Mühle berichtet, wie sehr sich die Besitzer jahraus, jahrein um die Finanzierung der Papiermaschine bemühten. Es würde zu weit führen, das im einzelnen zu beschreiben. Es genügt die Feststellung, daß die Verhandlungen sich über zwei Jahrzehnte hinzogen und schliesslich doch im Jahre 1844 zu einer guten Lösung kamen. Im Juli 1845 lief die erste Papiermaschine auf der Gohrsmühle.

Und so hätte man annehmen dürfen, daß die alte Gohrsmühle, technisch auf den Stand der Zeit gebracht, die Schwierigkeiten bald überwunden und die Verluste der letzten Jahrzehnte wettgemacht hätte. Doch dem war nicht so. Die Geschäftslage war zu schlecht, als daß das Unternehmen sich erholt hätte. Die Erben Fues waren nur noch bemüht, das ganze Anwesen möglichst günstig zu verkaufen.

Zwar stellten sie im Jahre 1856 noch einen zweiten Dampfkessel auf, aber bereits am 2. August 1860 verkauften die Besitzer den Grund und Boden in der Größe von 105 Morgan 48 Ruten 20 Fuß mit der daraufstehenden Gohrsmühle, die Cederwaldmühle mit ihrem ganzen Gerät, die Anteile an den Braunkohlengruben zwischen Gladbach und Bensberg, die Arbeiterwohnungen am Rindweg, das Schmitzbergergut mit den beiden zugehörigen Kalkofen und Kalksteinbrüchen für insgesamt 50000 Taler an ihre beiden Brüder in Hanau. Ein Sohn der Familie Fues führte als

Prokurist das Ganze noch eine Zeitlang weiter, ganz offensichtlich in der Absicht, den Besitz langsam nacheinander zu verkaufen. Als erstes gingen die Braunkohlengruben in fremde Hände über. Dann folgten die Gohrs- und Cederwaldmühle. Beide Mühlen pachtete 1865 Carl Richard Zanders, der Sohn des Gründers der Firma J. W. Zanders, und erwarb 1867 die Gohrsmühle. Die Cederwaldmühle ging 1872 in den Besitz von Wilhelm Hanebeck über.

Den Plan, die Gohrsmühle zu erwerben, hegte Carl Richard Zanders schon seit langem. Die Größe dieses Entschlußes kann man nur ermessen. Wenn man sich die damals recht schwierige wirtschaftliche Lage der Papiermühlen und die Entwicklung der Firma J. W. Zanders seit ihrer Gründung am 28. Juli 1829 vergegenwärtige. Der Gründer der Firma, Johann Wilhelm Zanders, hatte nur ein einziges Jahr sein Werk, die Schnabelsmühle führen können, als ihn der Tod im Alter von erst 35 Jahren abrief. Zwar übernahm seine junge Witwe Julie mit bewundernswerter Energie die Geschäftsführung, um das Werk zu erhalten aber schließlich überstieg diese Aufgabe doch ihre Kräfte, weshalb sie 1836 die Schnabelsmühle auf 12 Jahre verpachtete. Diese Pause in ihrem Schaffen für das Werk nutzte sie, um sich ganz der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Die Firma J. W. Zanders erlosch jedoch nicht, sondern sie ruhte. Als ihr ältester Sohn Carl Richard, 1826 auf der Schnabelsmühle geboren, nach einer gründlichen Ausbildung, die ihn unter anderem auch mehrere Jahre in das europäische Ausland führte, im Jahre 1848 von ihr zum Geschäftsführer berufen wurde, übernahm er eine in 12 Pachtjahren heruntergewirtschaftete Mühle. Nicht das allein war nachzuholen, was hier versäumt war. In nächster Nähe und im Wettbewerb des In- und Auslandes waren aus den alten Mühlen Fabriken geworden. Die Papiermaschine hatte allenthalben ihren Einzug gehalten. Auch dieser Vorsprung mußte eingeholt werden. Carl Richard Zanders muss ein Mann von außergewöhnlicher Umsicht, Entschlossenheit und Tatkraft gewesen sein; Denn trotz vieler Hemmnisse gelang es ihm, die Schnabelsmühle zu einen für den damaligen Stand der Technik fortschrittlichen Werk zu machen. Seit seinem Eintritt ins Werk war die Zahl der Bütten von drei auf acht gestiegen und 1860 wurde eine Papiermaschine aufgestellt. Es war klar, daß mit der Produktionssteigerung die Erweiterung des Absatzfeldes Hand in Hand gehen mußte. Auch hierbei erwies er sich als weitblickender Kaufmann, indem er nicht nur den deutschen Kundenkreis erweiterte, sondern auch seine schottischen Freunde als große Abnehmer für ihren Papierhandel gewann.

Erst nachdem Carl Richard Zanders so die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung geschaffen hatte, entschloß er sich 1867 zum Kauf der Gohrsmühle. Die Gohrsmühle besass damals außer einer kleiner Papiermaschine mit Wickelwalzen einen von einer Dampfmaschine getriebenen Holländer mit etwa 50 kg Eintrag und drei ganz kleine, an ein Kronrad angeordnet mit einem Eintrag von je 20 kg. Noch im gleichen Jahr wurde mit dem Umbau des kleinen Werkes begonnen, weshalb dieses vorübergehend stillgelegt werden mußte. Der dadurch entstandene Verlust war indessen nicht so schwerwiegend. Schlimmer war die Wirkung eines Sturmes im Dezember 1868, der den eben vollendeten 150 Fuß hohen Schornstein der Schnabelsmühle auf das Dach des Maschinenhauses warf. Er schlug hindurch und verletzte wichtige Maschinenteile. Aber alles dies vermochte Carl Richard Zanders in dem Glauben an sein Werk nicht zu erschüttern. Die Gohrsmühle wurde noch 1868 mit wesentlich erhöhter Leistungsfähigkeit in Betrieb genommen. Aber damit beginnt ein weiterer Zeitabschnitt. Festzuhalten bliebe zusammenfassend, daß es der große Verdienst von Carl Richard Zanders ist. Durch den Kauf der Gohrsmühle den Grundstein für den Aufstieg der Firma J. W. Zanders gelegt zu haben.

 

IV. RÜCKSCHAU

Mit dem Kauf der Gohrsmühle durch Carl Richard Zanders begann für sie eine neue Geschichte, eine Geschichte, die zugleich die der Firma J. W. Zanders ist. Dies ist umso mehr der Fall, als in der Folgezeit das Schwergewicht der Feinpapiererzeugung in die Gohrsmühle verlegt wurde. Die Gründe hierfür liegen in deren verkehrsgünstiger Lage in der Größe des Geländes, das genügend

Raum für Erweiterungen bot. Wenn auch die Gohrsmühle 1868 als selbständiges Werk unterging, so war sie es, die in erster Linie bestimmend war für die große wirtschaftliche und fortschrittliche Entwicklung der Firma J. VV. Zanders. Auch symbolisch fand späterhin diese Verschmelzung ihren Ausdruck und zwar insofern, als sich das Zanders'sche Familienwappen mit der Bezeichnung "Gohrsmühle" vereinigte und dieses neue Wahrzeichen wachsende Bedeutung für den Ruf der Firma und ihrer Qualitätspapiere erhielt.

Mehrfach ist in ausführlichen Arbeiten die Geschichte der Firma J. W. Zanders dargestellt worden, zuletzt in einer Festschrift anläßlich des hundertjährigen Firmenjubiläums am 29. Juli 1929. Nun, die Zeit schreitet fort, sie kennt keine Ruhepause. In zwei Jahren, nämlich 1954, kann die Firma auf ihr 125 jähriges Bestehen zurückblicken. Das besonders Bemerkenswerte an diesem Jubiläum ist nicht mir die Größe der Zeitspanne, sondern vielleicht in noch größerem Maße die Tatsache, daß seit der Gründung durch Johann Wilhelm Zanders seine Nachkommen von Generation zu Generation das Werk fortgeführt und ausgebaut haben. Anläßlich des 125 jährigen Bestehens soll die Geschichte des Hauses Zanders eine erneute Darstellung erfahren. Aus diesem Grunde kann hier auf eine Schilderung des weiteren Lebensweges der Gohrsmühle seit ihrer Eingliederung in die Firma J. W. Zanders verzichtet werden, doch sei es am Schluße dieser Rückschau gestattet, das Gründungsjahr

1602       der Gohrsmühle und das Jahr ihres 350 jährigen Geburtstages einander gegenüberzustellen. Nichts könnte nämlich anschaulicher die Größe des Aufstieges und die Gewalt der Entwicklung zeigen als dieser Vergleich.

1952        Aus einem verfallenden kleinen Schleifmühlengefälle baut ein weitsichtiger Unternehmer eine Papiermühle an den Ufern der wasserreichen Strunde. An ihrer Seitenwand drehen sich die beiden Räder und treiben das eine Geschirr im Innern. Nur wenige Arbeiter gehen zwischen den Bütten hin und her und trocknen Bogen um Bogen auf dem hohen, luftigen, mehrstöckigen Speicherboden des Mühlengebäudes, das sich mitsamt dem benachbarten Bergischen Wohnhaus im Schatten hoher Bäume birgt.

Weite, formschöne und moderne Fabrikanlagen erheben sich eine Stadt für sich auf einer Bodenfläche von über 30 Hektar. Wenn aber jemand durch das schmiedeeiserne Tor am

Pförtner eintretend, in dem imponierenden Verwaltungsgebäude nach dem Reste der alten Gohrsmühle fragt, so findet er statt der alten, traulichen Mühle eine völlig neue Fabrikanlage mit dem weithin sichtbaren Lagerhochhaus von 80 m Länge, -- er sieht das Gebäude der Kunstdruckstreicherei, das rieige neue Kesselhaus mit automatischer Feuerung, die neue Kraftzentrale mit Anschluß an die Überlandzentrale, eine Lumpenhalbzeuganlage und weite Hallen für die Rohstoffe, weitläufige Anlagen für die Anschlüße an die Bundesbahn kurz, es sind der Gebäude so viele, daß es schon sachkundiger Führung bedarf, um sich in dem weitverzweigten Gebäudekomplex zurechtzufinden. Aber eines erinnert doch an die stille Mühle im Tal. Wie jene sich harmonisch der heimatlichen Landschaft einfügte, so wie nun einmal Mühle und Bach zueinander gehören, so hält es auch das heutige Werk. Es ist so. als habe man die Naturverbundenheit der alten Mühle behutsam bewahrt und pfleglich erhalten. Weitausladende Baumkronen und gepflegte Rasenflächen sorgen dafür, daß das Werk nicht wie so viele andere als ein häßlicher Fremdkörper in dem stillen, landschaftlich so reizvollen Strundertal und in der schmucken Kreisstadt erscheint, sondern daß die ausgedehnten Fabrikanlagen sich heute ebenso organisch in die Landschaft einfügen, wie sie ehedem, aus ihr herauswuchsen.

 


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